Schulhund Kimba

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*1999   † 2012

Über uns

Kimba ist ein Schäfer-Bernersennen-Colli-Mix und wurde 1999 geboren. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er mit seinem Herrchen auf der Straße. Als er als „Fundhund“ ins Tierheim Reutlingen kam, war er nicht gerade im besten Zustand, hatte aber auch während seines 4-monatigen Aufenthalts im Tierheim gesundheitliche Probleme, so dass er bei uns erst einmal aufgepäppelt werden musste.

Ich heiße Patricia Führing und unterrichte seit 1992 in der Heinrich-Feurstein-Förderschule in Donaueschingen als Klassenlehrerin in der Mittelstufe.
Seit ich denken kann lebe ich mit dem Motto: „Ohne Hunde kann man leben, aber es lohnt sich nicht!“.
Aus diesem Grund freute es mich immer, wenn ich Kindern mit meinen Hunden eine Freude machen und so meine Liebe zum Tier an sie weiter geben konnte. Dass dies dann tatsächlich einmal in dem großen Rahmen mit Hilfe meines Hundes Kimba in Funktion eines Schulhundes ausgeweitet werden konnte, freut mich heute noch! Denn es gibt doch nichts Schöneres, als mit Kindern zu arbeiten, wenn sie interessiert und begeistert sind und sie durch den Hund noch zusätzlich motiviert sind, ihr Wissen gleich praktisch umzusetzen.

Unser Anfang

Durch einen Zeitungsartikel wurde ich auf Herrn Retzlaff aufmerksam, der schon seit Jahren von seinen Hunden in die Schule begleitet wurde. Wir telefonierten und er gab mir sehr gute Ratschläge und schickte mir interessante Unterlagen. Durch unser Gespräch wurde mir klar, dass ich das Projekt „Schulhund“ zwar nicht in seiner Form, aber in abgewandelter, auf die Feurstein Schule und meinen Hund abgestimmte Variante, durchführen konnte und wollte!
Die 1.Hürde, die Schulleitung, war von Anfang an sehr offen gegenüber diesem Thema und hat mich während dem ganzen „Genehmigungs-Marathon“ unterstützt und stand immer hinter dem Projekt, bzw. machte dafür Werbung.
Die Kollegen, unsere Sekretärin, unser Hausmeister, die Schüler und Eltern der Heinrich-Feurstein-Schule waren gegenüber dem Hund und mir ebenfalls immer aufgeschlossen.
Die Schüler und Eltern meiner Klasse waren immer davon überzeugt, dass Kimba der Klasse einfach gut tut.
So hatte ich einfach Glück, dass ich die Vorbedingungen des Schulamtes ohne Probleme erfüllen konnte!

Kimba verbrachte seine Schulzeit ausschließlich bei mir. Im ersten Schuljahr musste ich ihn noch während meiner Sportstunden bei seiner Lieblingskollegin „parken“, aber später wurde mein Stundenplan immer „Kimba gerecht“ gesteckt. Für meine Schüler war Kimba mit den Jahren eine so große Selbstverständlichkeit ist, dass sie sich unsere Schule gar nicht ohne ihn vorstellen konnten.

Unser Schulalltag

Als ich Kimba aus dem Tierheim holte, dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass er einmal ein „Schulhund“ werden könnte. Wir beide waren mit der Erziehung (Dickschädel gegen Dickkopf) viel zu sehr beschäftigt. Natürlich brachte er die wichtigste Grundvoraussetzung, die „Liebe zu allen Menschen“, schon mit sich. Aber wir mussten beide vieles lernen, um zu einem guten Team zusammenzuwachsen. Mit der Zeit hat Kimba sich toll entwickelt, aber einige „Macken“ sind geblieben. – Aber wer hat die nicht!?

Und das ist das Faszinierendste: Seine Macken wurden von allen Schülern akzeptiert und darüber wurde sogar gelacht! Die Schüler (und Kollegen) haben zwar alle gelernt auch einmal energisch „nein“ zu sagen, aber schmunzelnd wurde Kimbas Eigenleben in der Schule beobachtet.
Schüler, die sonst förmlich nach Fehlern bei anderen suchen, fanden es in Ordnung, wenn sie von Kimba beklaut wurden. Sie suchten den Fehler bei sich! Schüler, die es normalerweise nicht aushalten mit einem Mitschüler den Tisch zu teilen, freuten sich, wenn Kimba unter dem Tisch auf ihren Füßen lag.
Ich kann nicht sagen, wie sich meine Klassen in den Jahren bei mir ohne Kimba entwickelt hätten, dazu fehlt ja der Vergleich! Aber ich konnte eine positive Entwicklung auf allen Seiten gegenüber dem Hund beobachten.
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Es gab keine Unsicherheiten mehr gegenüber Kimba, die Schüler (und Kollegen) konnten ihn und seine Körpersprache einschätzen. Natürlich mochte ihn der eine mehr und der andere weniger. Aber es gab keine Situation in der ich dachte, dass das Langzeitprojekt eine Schnapsidee war.
Mit der Zeit hatte sich jeder so an ihn gewöhnt, dass er auch ohne Kindertraube durch den Schulhof oder durch das Treppenhaus laufen konnte. Aber trotzdem bekam er viele Streicheleinheiten und wurde immer freudig begrüßt. Mit einem hohen „Kiiimberliii!“ wurde er von einigen Mädchen jeden Morgen empfangen. Davon profitierte natürlich auch ich, denn die gute Laune, die er verbreitete, die ging auch an mich weiter.
Bei Streitschlichtergesprächen war er oft dabei und holte uns alle wieder auf den Teppich. Beim Streicheln trafen sich sogar die Hände der Streitenden auf dem Hund.

Teilweise wurde er auch unsichtbar. Durch die Gewöhnung erregte nicht mehr jede seiner Bewegungen viel Aufmerksamkeit, sondern er lag irgendwo, unter einem Tisch oder in seinem Korb, und wurde von allen vergessen. Nur der, der beehrt wurde, der saß ganz ruhig und wusste, dass er da war.
Ich kann nicht sagen, ob sich dieses Kind dann besser konzentrieren konnte als ohne Hund auf den Füßen. Aber der ganze Körper war auf jeden Fall ruhiger, entspannter.

Immer wieder legte sich auch ein Kind zu ihm auf den Boden. Ich hatte dabei nie den Eindruck, dass sich dabei jemand vor dem Unterricht drücken wollte, sondern einfach einen räumlichen Wechsel benötigte oder das warme, weiche Fell zur Entspannung.
Zog Kimba sich unter meinen Schreibtisch zurück, was er sehr selten machte, musste er allerdings ganz in Ruhe gelassen werden. Aber das wurde von den Schülern problemlos akzeptiert.

Kimba diente auch häufig als “Überbrücker“ von unangenehmen Situationen. Z.B. neue Schüler in der Klasse, die noch keinen richtigen Anschluss zu den Klassenkameraden fanden, suchten häufig die Nähe von Kimba und fanden über ihn schnell Kontakt zu ihren Mitschülern. Dies zu beobachten machte immer viel Freude!
Inwieweit Kimba ein Gespür dafür hatte, von wem er gerade dringend gebraucht wurde, kann ich nicht wirklich beurteilen. Ich glaube eher, dass er dafür nicht das Feingefühl hatte. Ich habe ihn aber oft auch als „Seelentröster“ eingesetzt, und kein Kind hat ihn je zurückgewiesen.
Die Hunderegeln für das Klassenzimmer wurden immer eingehalten. Ich bin mir aber auch sicher, dass die Regeln nicht mehr als Regeln empfunden wurden, sondern schon so verinnerlicht waren, dass niemand mehr darüber nachdachte. Und wenn nicht: Kontrolleur Kimba entging keine Nachlässigkeit…!
Der Klassendienst „Kimba“ funktionierte von allen Diensten immer am Besten. Dazu gehörte „Kimbas Geschirr aus- und anziehen“. Damit hatten anfangs einige Schüler große Schwierigkeiten: wo ist oben und unten, was muss wo durch? Und wie bleibt der Hund so lange stehen, bis ich fertig bin? Das ging später aber reibungslos.
Das Füttern am Morgen wurde nie vergessen und die Schüler bereiteten gewissenhaft sein Futter vor. Sie maßen das Trockenfutter und das Ergänzungspulver ab, machten Wasser warm und ließen das Futter genau 5 Minuten lang quellen. Dabei wich Kimba ihnen natürlich keine Sekunde von den Beinen und es fanden immer witzige Unterhaltungen zwischen Hund und Kind statt!
Das hört sich so einfach an, aber für viele Schüler war es das nicht. Sie wurden dann von Mitschülern eingewiesen. Im Laufe der „Dienstwoche“ beherrschten dann alle Schüler das Füttern, zeigten dann aber unterschiedliche Fähigkeiten, dies in ihrem Langzeitgedächtnis für den nächsten Dienst zu speichern.
Das größte Problem war aber weniger das Abmessen, sondern mehr die Kontrolle über den Hund: Kimba war IMMER hungrig und vergaß dann schnell seine „gute“ Erziehung. Die Kinder mussten ihm seine Kommandos ganz klar geben, damit er sich zurückhält und die Schüssel nicht vom Tisch holte! Die unterschiedlichen Charaktere der Kinder, die sich sehr deutlich zeigten, waren sehr interessant zu beobachten!

Der „Bringdienst“ vom Parkplatz zum Klassenzimmer hat sich mit den Jahren normalisiert und nach der Schule hatte ich ihn später oft allein. Dies war mir aber auch nicht unrecht, denn dann konnte ich in der Schule noch etwas erledigen, ohne dass ein Schüler warten musste.

Aber auch der Hund hat sich immer mehr an das Schulleben gewöhnt. Morgens gab es nicht die Frage „Darf ich heute mit?“. Jeden Tag war er dabei, nicht wenig bei einem vollen Lehrauftrag. In der Schule inspizierte er zuerst die Kollegen im Lehrerzimmer, aber auch im Sekretariat war er willkommen. Im Klassenzimmer machte er seine Begrüßungsrunde inzwischen ganz selbstständig – und dann legte er sich irgendwo ab. Leider wurde der Schulgong zur große Pause abgeschafft, denn mit dem Gong kam immer Leben in den Hund und wir mussten jedes Mal schmunzeln: Die Schüler wussten ja, dass der Gong nicht die Stunde beendete, aber mit dem Gong stand einer ganz bestimmt auf: Kimba! Denn er musste unbedingt ins Lehrerzimmer um seine „Apfelbutzen“ abzuholen!

Es erstaunte mich mit der Zeit immer mehr, wie wenige Kinder bei uns in der Schule vor dem Hund Angst hatten. Sicherlich spielte auf der einen Seite meine „Vorstellungsrunde“ in allen Klassen im ersten Schuljahr mit Kimba eine große Rolle. Andererseits bin ich mir sicher, dass hier das „Abschauen von anderen“ sehr wichtig war. Sie sahen, dass den Streichelnden nichts passiert, dass Kimba an ihnen vorbeiging, ohne dass sie von ihm belästigt wurden.
Neue Schüler, besonders zum Schuljahresanfang, hatten schon vor der Einschulung von Kimba gehört und waren auf ihn neugierig. Schnell fanden sie den Weg zu ihm und eine gegenseitige Vorstellung fand statt.

Immer wurden die „Hundeführer“ von den Mitschülern in ihrem Verhalten gegenüber Kimba kontrolliert. Da sich die Aufregung um den Hund schon lange gelegt hatte, konnten einige Regeln gelockert werden. Z.B. durfte Kimba gerufen werden. Ich habe beobachtet, dass er einfach auf Durchzug stellt, wenn es ihm zu viel wurde.
Für die Schüler war es schwer zu verstehen, dass mein Kommando von Kimba auf jeden Fall durchgeführt werden musste, dass ich hier keine Ausnahme machen konnte. Wenn er aber gleichzeitig von einem Schüler gestreichelt und von mir gerufen wurde, dachte er natürlich nicht daran, diesen angenehmen Platz zu verlassen. Dumm war er nämlich auf keinen Fall! Hier musste ich immer wieder darauf achten, dass meine Stellung ihm gegenüber nicht untergraben wurde. Kimba stellte an mich immer hohen Anforderungen an eine konsequente Erziehung.

Besonderheiten

Kimbas Anwesenheit in der Klasse motivierte meine Schüler mehrmals in die Öffentlichkeit zu treten, womit sie sonst immergroße Probleme haben.
Häufig ist das Problem von Förderschülern, dass sie sich zu ihrer Schule nicht bekennen können. Einige meiner Schüler, besonders die „Neuen“, verheimlichen oft gegenüber ihren Freunden, welche Schule sie besuchen. Die Zeitungsartikel mit Foto zeigten sie in der Öffentlichkeit, aber im positiven Sinn. Ihre Freunde beneideten sie ja auch um ihren Schulhund!
Kimbas Anwesenheit motivierte seine „erste“ Klasse zu verschiedenen Aktivitäten, z.B. eine kleine Vorstellung mit Kimba beim Schulfest und ein selbst erfundenes Theaterstück.

Teilweise war Kimba auch  mit in meiner Kooperationsschule. In einzelnen Klassen wurde er ausführlich vorgestellt, wenn das Thema „Haushund“ erarbeitet wurde. Aber vorrangig war er bei den einzelnen Schülern, die von mir überprüft wurden, dabei. Diese freuten sich über ihn und waren durch ihn nicht diejenigen, „die zu der Frau von der Feurstein Schule mussten“, sondern „die, die zu dem Hund durften“! Natürlich war er nur bei Schülern oder Elterngesprächen dabei, wenn ich mir sicher war, dass sich niemand vor ihm fürchtete. Ich testete über 15 Schüler mit Kimba und nur bei zwei türkischen Jungen war Kimbas Anwesenheit nicht möglich. (Beide Jungs kamen später als Schüler in unsere Schule und haben sich sehr schnell mit Kimba angefreundet!!!)

An fast allen Projekten, Lerngängen oder Ausflügen nahm Kimba teil und gab uns immer viel Gesprächsanlass untereinander oder mit Außenstehenden, die über unseren Schulhund aufgeklärt werden wollten.

Regelmäßig wurden wir von Schulklassen besucht, die zum Thema „Haushund“ mehr über Kimba erfahren wollten. Viele Themen konnten die Schüler übernehmen und den Besuchern erklären. Kimba gefielen diese Stunden besonders gut, da er dann total im Mittelpunkt stand!

Wichtig war mir dabei immer den Kindern Kimbas Verhalten  deutlich zu machen, um eine „Vermenschlichung“ des Hundes möglichst klein zu halten! Die Kinder müssen verstehen lernen, dass der Hund aus niedrigen Motiven handelt, den Weg des geringsten Widerstandes geht, und keine langen Überlegungen des „Wenn und Aber“ stattfinden. Und hier liegen seine Grenzen, hier bleibt er Hund, wird nicht zum Mensch!!
Besonders der Umgang mit dem Hund wurde immer wieder eingeübt und sein Verhalten „übersetzt“. Das ist wichtig, auch um Unfälle mit fremden Hunden zu verhindern!
Und nach der Schule hieß es jeden Tag: Raus an die frische Luft, auf die Felder und ein sattes Dummispiel!!
Und das tat uns beiden richtig gut!

Zu den Sommerferien 2011 ging Kimba in seinen wohlverdienten Ruhestand und entsprechend wurde er im letzten Schuljahr in seiner Klasse eingesetzt: Keine großen Aktivitäten mehr, dafür wurde er selbst verwöhnt und die Schüler lernten über ihn, was alte Hunde mögen, brauchen und in welchen Bereichen man auf sie Rücksicht nehmen muss…