Schulhündin Sandy

Mixed Breed Dog |Mischlingshund

*2001 in Italien  † 04. 06. 2013 in Iserlohn

Anfänge

Als ich im März 2002 einen Bericht über die Schulhündin Jule, die regelmäßig mit in eine Klasse an der Hauptschule in Sulzburg ging, im Fernsehen sah, nahm eine Idee, die schon lange vorhanden war, endlich deutlichere Formen an.

Ohne dass ich mich näher mit der Tiergestützten Pädagogik auseinandergesetzt hatte, wurde die Suche nach einem adäquaten Hund für die Schule intensiviert und dabei waren mir neben bestimmten Charaktereigenschaften zwei Punkte besonders wichtig:

  • Es sollte ein Hund aus dem Tierschutz sein, um das Hundeelend dort etwas zu verringern. Symbolisch sollte dies zudem deutlich machen, dass auch Hunde mit „schlechter Vergangenheit“ etwas wert sind!
  • Möglichst sollte es sich um einen Mischling handeln um sie aufzuwerten und nicht die Überzüchtung vieler Rassen zu unterstützen!

So surfte ich weiter im Internet, las Zeitungen und fuhr von Tierheim zu Tierheim, ohne dass ich das Gefühl hatte, den richtigen Hund gefunden zu haben…

Sandy – Straßencocktail aus Assisi

Anfang September 2002 war die Hoffnung auf eine erfolgreiche Suche fast aufgegeben, als ich doch noch einigen Zeitungsinseraten nachging. Am Sonntag, den 1. 9. 2002 führte mich ein Besuch nach Bochum, wo eine Hündin aus einem italienischen Tierheim inseriert wurde. Beim Öffnen der Tür erblickte ich drei Hunde, von denen mir einer sofort sympathisch war. Voller Erstaunen hörte ich dann, dass genau dieser Mischling abgegeben werden sollte. So erblickte ich Sandy zum ersten Mal und ein positives Gefühl überwog!

sandy dünn kl

Auf dem Foto ist zu erkennen wie dünn sie war, da sie trotz aller Bemühungen in den letzten Wochen kaum gefressen hatte. Ihr Fell an den Hinterbeinen war so ausgegangen, dass sie teilweise nackt waren. Ihr körperlich schlechter Zustand hatte schon einige Bewerber abgeschreckt…

Am Telefon hatte ich natürlich schon berichtet, dass ich einen Hund suchte, der mit mir zur Schule gehen sollte. Die Pflegeeltern gingen davon aus, dass Sandy hierfür wahrscheinlich geeignet sei. Nach einem Spaziergang ohne Probleme war die Entscheidung gefallen und am nächsten Tag bestätigten meine beiden Töchter nach einem weiteren Besuch meinen Entschluss.

Voller Ungeduld mussten wir noch bis zum Wochenende warten. Dann brachte Herr Breiter Sandy persönlich nach Iserlohn und wir konnten uns am Wochenende intensiv um den neuen Familienzuwachs kümmern.

Sandys Leben in Italien

Herr Breiter und seine Lebensgefährtin ließen Sandy aus Italien mitbringen. Da sie aktiv die Tierhilfe Aurora unterstützten, arbeiteten sie im Urlaub 2002 im Tierheim in Assisi in Italien. Sie säuberten dort die Zwinger, fütterten die Hunde und verschafften ihnen für wenige Minuten am Tag Bewegung. Auf der Heimfahrt nahmen sie einige Tiere mit nach Deutschland und brachten sie bis zur weiteren Vermittlung in Tierheimen unter.

Sandy Assisi 1 - kl

Sandy und ein Rüde waren ihnen während ihrer Zeit dort positiv aufgefallen und so ließen sie sie von anderen Tierschützern mit nach München bringen. Dort holten sie die Hunde ab und brachten den Rüden sofort weiter zu seinen neuen Besitzern. Sandy blieb bei ihnen und ihren beiden Hunden in Bochum.

Sandy kam ins Tierheim in Assisi, da sie Anfang Juni 2002 gemeinsam mit dem Rüden vergiftet (Mäusegift) aufgefunden wurde. Es ist davon auszugehen, dass sie längere Zeit auf der Straße gelebt hat, denn sie fand auch später noch über hunderte von Metern sicher Lebensmittelreste …. Wahrscheinlich ist sie in Italien nur mit wenigen Dingen konfrontiert worden, so dass die Reise nach Deutschland und die erste Zeit hier eine völlige Überforderung für sie waren (massiver Haarausfall, kaum Nahrungsaufnahme, ständiger Durchfall).

Sandys Charakter

Ein Hund, der regelmäßig mit in der Schule ist, um einen Lehrer bei seiner pädagogischen Arbeit zu unterstützen, sollte einige Grundvoraussetzungen erfüllen, damit es zu keinen Problemen und Verletzungen bei den Schülern kommt:- keine aggressive Ausstrahlung und kein aggressives Verhalten, am Menschen orientiert, keinen Herdenschutztrieb, gehorsam, ruhiges Wesen, verträglich mit Kindern, nicht bellfreudig, nicht sehr geräuschempfindlich, nicht ängstlich und unsicher… – diese Punkte erfüllte Sandy tendenziell, auch wenn sie an einige Geräusche und Situationen in der neuen Umgebung erst herangeführt werden musste.
Auch eine gute Bindung zum Lehrer ist eine weitere wichtige Voraussetzung um den regulären Unterricht störungsfrei abhalten zu können bzw. den Hund gezielt in die pädagogische Arbeit mit einzubeziehen. Die Team-Kommunikation erfolgt in der Regel ohne Worte und der Hund orientiert sich tendenziell automatisch am Besitzer und seinen Erwartungen. – Dieser Aspekt war schon nach sehr kurzer Zeit erfüllt und ich konnte mich immer auf mein Schätzchen verlassen.

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Auch ohne direkte Einbindung des Hundes stellt die Schule mit den unterschiedlichen Menschen, Geräuschen und Aktionen eine hohe Belastung für jeden Hund dar. Er kann nur zeitweise aktiv in den Unterricht eingebunden werden. Sehr wichtig ist seine genaue Beobachtung, um Stresssignale schnell zu erfassen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Es ist sehr wichtig, dass die Besitzerin ggf. den Hund vor den Schülern schützt, besonders wenn er aus dem Tierschutz kommt und über seine Vorgeschichte wenig bekannt ist!

Sandys Leben in Deutschland

Da Sandy in den Monaten vor ihrer Reise nach Deutschland bestimmt wenig Gutes erfahren hatte und auch die ersten Wochen hier eine außerordentlich große Belastung für sie waren, sollte sie bei uns zunächst viel Ruhe und geringe Anforderungen erhalten. Heute weiß ich, dass ich viele Signale übersehen habe und ein anderer Hund durch die unbewusste ständige Überforderung ggf. aggressive Aktionen gezeigt hätte.

Mein Mann hatte mir schon 2001 als Geburtstagsgeschenk die „Hundeerlaubnis“ überreicht, obwohl er selber damals mit vielen Hunden Probleme hatte. Als Sandy im September 2002 bei uns einzog, lag sie in den ersten Tagen häufig völlig zusammengerollt in ihrem Körbchen und beobachtete uns aus den Augenwinkeln. Sobald mein Mann aber durch eine Tür den Raum betrat oder die Treppe herunterkam, hörte man sie knurren. Das verunsicherte meinen Mann, und damit natürlich auch mich, immer mehr. Verzweifelt sah ich das Projekt „Schulhund“ schon untergehen und suchte mir telefonischen Rat bei „erfahrenen Hundetrainern“! U. a. sollte ich Sandy einen Maulkorb aufsetzen und mein Mann sollte ihr einmal klar machen, wer im Haus den Ton angibt! Gott sei Dank sind weder mein Mann noch ich der Typ, der diesen Erziehungsweg fährt …, aber ich war schon ziemlich verzweifelt! Eines Tages sagte unsere jüngere Tochter plötzlich: „Merkt ihr gar nicht, wieviel Angst Sandy hat?“

Noch heute ist es mir unbegreiflich, aber wenn nach vielen Monaten Planung, Kampf  und Herzblut plötzlich alles zu scheitern droht, ist man wahrscheinlich für viele Dinge blind, die eigentlich selbstverständlich sind.

Heute weiß ich, dass Sandy eigentlich ein introvertierter Stresstyp war, der nach außen recht entspannt wirkte und nur durch ganz kleine Anzeichen ihren hohen Stresspegel anzeigte. Wie verzweifelt und verunsichert muss sie in der ersten Zeit bei uns gewesen sein, dass sie meinen Mann so anknurrte. Ich kann mich nicht  erinnern, dass sie in den Jahren bei uns je wieder einen Menschen angeknurrt hat.

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Unsere Nachbarskinder waren natürlich begeistert von dem netten Hund und besuchten uns häufiger im Garten. Ich habe das als Test für den Einsatz in der Schule natürlich begrüßt und freute mich! Heute sehe ich noch das ständige Leftzenlecken und Pföteln meines Hundes vor mir, aber ich habe es nicht besser gewusst und habe ihr zu Beginn einfach nicht genug Ruhe zum Ankommen gegeben…! Durch die Semesterferien meiner älteren Tochter war aber in den ersten Wochen eine durchgehende Betreuung Zuhause gegeben, obwohl das Schuljahr bereits begonnen hatte und ich für viele Stunden abwesend war.

Da Sandy sehr dünn war, sollte sie natürlich gut mit Futter versorgt werden. Aber egal, was wir ihr anboten, sie fraß kaum. Und je mehr wir versuchten sie mit gutem Zureden zu bewegen, desto weniger fraß sie … Es hat einige Zeit gedauert, bis wir es schafften, ihr Futter einfach an den gewohnten Platz zu  stellen und sie zunehmend sicher fressen konnte.

Ihr ständiger Durchfall machte alles nicht besser und so suchte ich schließlich den Tierarzt mit ihr auf. Obwohl er über die Vorgeschichte des Hunde informiert war, überreichte er mir eine große Anzahl von Tabletten, die ich Sandy verabreichen sollte. Da sie so schon kaum fraß, wurde es durch die Untermischung der Tabletten natürlich nicht besser, sondern schlechter. Ohne dass mir damals Stresssymptome beim Hund bekannt waren, beschloss ich ihr einfach noch mehr Ruhe zum Ankommen und Fressen zu geben und ihren Körper nicht noch zusätzlich durch Medikamente durcheinander zu bringen … und die Zeit zeigte, dass mein Bauchgefühl richtig war!

Nachdem ich mir die Hundeausbildung auf einigen Plätzen angeschaut hatte und Sandys Sensibilität immer deutlicher wurde, nahm ich von einer Ausbildung zunächst einmal Abstand, da sie sehr schnell eine enge Bindung zu mir aufbaute und es keine gravierenden Führungsprobleme gab. Ich arbeitete mich durch Stapel von Hundebüchern und besuchte Seminare zum Thema „Stress“, „Tellington Touch“ und „Fährtenarbeit“ um das Selbstbewusstsein meines Hundes zu stärken!

Zwischenzeitlich wurde sie schrittweise an die Schule herangeführt und das Wechselspiel zwischen Hund und Schülern bereicherte das Klassengeschehen sehr. Heute weiß ich, dass Sandy besonders am Anfang einer viel zu hohen Stressbelastung ausgesetzt war und eine längere Phase ohne die Schule ihr bestimmt sehr gut getan hätte!

Nachdem Sandy zwei Jahre regelmäßig mit zur Schule gegangen war, fehlte mir immer mehr der Austausch zum Thema Tiergestützte Pädagogik und ich suchte intensiv nach Weiterbildungsmöglichkeiten für mich und meinen Hund. Über das Internet fand ich die Berufsbegleitende Fortbildung „Tiergestützte Interaktion mit dem Hund“ bei Symbiosys in München und Sandy und ich wurden dort neu motiviert und aktiviert.
Bei dieser Fortbildung hatte die Teamarbeit zwischen Mensch und Hund Priorität und auch der individuelle Arbeitsbereich des einzelnen Teams spielte neben den allgemeinen Grundanforderungen eine entscheidende Rolle. Sandy wurde eine außerordentliche Sensibilität im Umgang mit Menschen bescheinigt und mir wurde klar, dass ich immer noch zu wenig über den Bereich der Hundegestützten Pädagogik in der Schule wusste…

Schulhund Sandy an der Brabeckschule

In den ersten zwei Jahren fand zwischen Sandy und den Schülern in der Regel eine „freie Interaktion“ statt. D. h. der Hund konnte frei in der Klasse, und auch überwiegend in der Schule, agieren und Kontakt zu Schülern aufnehmen bzw. sie zu ihr. Hierbei fand ohne großes Einwirken meinerseits eine Förderung in den Bereichen Wahrnehmung, Emotionalität und Sozialverhalten, Lern- und Arbeitsverhalten, Motorik, Kognition und Deutsch statt.

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Zunehmend wurde Sandy, die jeden Tag mit mir zur Schule kam, im Unterricht auch gezielter eingesetzt. Zunächst im Sachunterricht verschiedener Klassen, wo es besonders um den richtigen Umgang mit Hunden ging und sie aktiver in das Unterrichtsgeschehen einbezogen wurde. Später unterstützte sie durch „gelenkte Interaktionen“  auf vielfältige Weise pädagogische Prozesse. Dabei wurde deutlich, dass das zeitweise gezielte Arbeiten ihr Freude bereitete und Abwechslung in ihren mittlerweile auch schon gewohnten Tagesablauf brachte.

Von Ende 2002 bis zum Juni 2006 arbeitete Sandy mit mir in der Werkklasse der Brabeckschule, die aus einem festen Kern von ca. 8 Schülern bestand und jeweils ca. 4 weiteren Schülern, die in den Jahren immer wechselten. Die Schüler kamen aus den Klassen 5 bis 10. Am Anfang war Sandy natürlich etwas Besonderes und es gab etliche Schüler, die sich sehr um sie bemühten. Mit den Jahren wurde sie in der Klasse zur Gewohnheit, aber es gab immer einzelne Schüler, zu denen sie eine intensivere Beziehung einging.

Sandy begleitete mich bis 2012, also 10 Jahre,  in die Brabeckschule. Von 2008 an oft auch im Doppelpack mit meiner Bernermix-Hündin Bea. 2012 wurde mir klar, dass mit meiner Hündin etwas nicht stimmte, aber mehrere Tierarzt- und Tierklinikbesuche brachten kein Ergebnis. Erst im Frühjahr 2013 entdeckte eine weitere Tierärztin einen bereits weit fortgeschrittenen Schilddrüsentumor bei meinem Schätzchen …

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Weitere Infos unter Schulhündin Sandy