Schulhund Emil

Emil 1

Ich heiße Judith Greipel und meinen Hund Emil habe ich mit 20 Wochen aus dem Tierschutz übernommen. Ich hatte zu der Zeit bereits mehrere Veranstaltungen und Seminare im Bereich der Schulhunde- und Therapiehundearbeit besucht und habe meinen zweiten Hund mit dem Ziel ausgesucht, ihn auch in der Arbeit in der Schule einzusetzen.
Obwohl mir natürlich bewusst war, dass es keine „Garantie“ gab – und ich grundsätzlich auch für mein privates Leben gerne einen zweiten Hund wollte – war es mir wichtig soweit wie möglich abzuschätzen, ob dieses Tier auch für die Arbeit in der Schule geeignet sein könnte.
Emil lebte zu der Zeit, als ich ihn bei der Tierschutzorganisation vivalahund (von der auch bereits unser Hund Luke zu uns gefunden hatte) entdeckte, noch in einer Welpenstation auf Mallorca. In erster Linie hat er mich optisch sehr angesprochen…zunächst habe ich ja auch nur ein Bild von ihm im Internet gesehen. Daraufhin nahm ich Kontakt mit vivalahund auf und äußerte mein Interesse an Emil. Ich habe dort sofort von meinen Plänen im Hinblick auf die schulische Arbeit berichtet und um eine ehrliche Rückmeldung in Bezug auf Emils Wesen gebeten.

Nach den ersten Beschreibungen des Hundes (die auch nur sehr ungenau und allgemein waren, da die entsprechende Tierschützerin ihn auch nur kurz selber kennen gelernt hatte) verblieben wir mit einer „Vorreservierung“ (der Tierschutzverein war sehr angetan von meinen Plänen, den Hund in der Schule einzusetzen).
Emil kam daraufhin nach Deutschland (was auch unabhängig von der Vermittlung an mich geschehen wäre) und zog zunächst bei einer Pflegefamilie in Frankfurt ein. Von dort bekam ich tägliche Meldungen über seine Entwicklung und fuhr am Wochenende darauf dorthin.
Im Vorfeld hatte ich mir viele Informationen von meiner Hundetrainerin und auch von Stephanie Holtstiege von socialdogs eingeholt, um genau zu wissen, worauf ich bei der Beobachtung des Hundes und in der Interaktion mit ihm achten könne, um sein Wesen möglichst gut einzuschätzen. Zu der Erstbesichtigung begleiteten mich meine Mutter und eine gute Freundin, von der ich mir sicher war, dass sie mir bei allem Niedlichkeitsfaktor eine ehrliche Meinung zurückmelden würden.

Beim Erstkontakt zeigte sich Emil sofort als sehr aufgeschlossen, nahm mit uns allen angstfrei Kontakt auf, zeigte Interesse an Spielzeugen, war jedoch im Vergleich zu seinem ebenfalls anwesenden Bruder deutlich ruhiger und zurückhaltender. Der Bruder „rammelte“ erst einmal unsere Beine an und sprang ins Gesicht, während Emil deutlich sensibler war.
Mir war sofort klar, dass Emil sehr gut zu mir passen würde. Auch für den Einsatz in der Schule sah ich Potenzial, wenn ich mir auch aufgrund seines jungen Alters nicht absolut sicher sein konnte.

Mit der Eingewöhnung in der Schule habe ich nach ca. 2 Wochen langsam begonnen. Emil hatte unglaublich schnell eine sehr enge Bindung zu mir, so dass ich mir in unserer Beziehung sehr sicher war. Er zeigte sich jedoch als äußerst sensibel und musste im Alltag noch sehr viele Dinge kennen lernen. Er war von klein auf in der Welpenstation, hatte also keinen negativen Erfahrungen auf der Straße oder in schlechter Haltung sammeln müssen, allerdings hat er dort auch nicht viel kennen gelernt. So waren jedes Alltagsgeräusch, Autos, bestimmte Bewegungn etc. eine Herausforderung für ihn. Das hatte ich mir damals zunächst einfacher vorgestellt… Als sehr positiv stellten sich sein unglaublicher Spieltrieb und Arbeitswille heraus. Er lernte sehr schnell und zeigte von Beginn an eine riesige Freude an der Arbeit mit Menschen. So konnte man ihn über Spiel, Arbeit und Strukturierung an neue Situationen sehr gut heranführen.
Nachdem Emil die Schule zunächst ohne Schüler kennen gelernt hatte und mit den Räumen vertraut war, lernte er in kurzen Phasen die Schüler kennen. Er orientierte sich hier sehr stark an mir und erhielt durch unsere enge Bindung die Sicherheit, dass es in Ordnung ist auf die Schüler zuzugehen. Ich habe den Kontakt mit den Schülern immer spielerisch oder mit kleinen Aufgaben an Emil gestaltet, so dass er es als Spiel- und Arbeitssituation erkannt und somit spannend gefunden hat.

Emil 2

Der Grundzug von Emils Wesen ist bis heute, dass er die Arbeit und das Spiel mit den Schülern unglaublich liebt und hier eine große Ausdauer hat. Er lebt jetzt schon seit 2010 bei mir und ich war mir sehr sicher, dass er die Schüler nicht um ihretwillen mag, sondern Schule nur toll findet, da es dort spannend wird. Es war genauso eine Aufgabe, als wenn wir etwas anderes im Hundesport trainieren. Mit ca. 4 Jahren hat Emil aber begonnen ganz neue Wesenszüge zu zeigen…das war der Punkt, an dem er nach meinem Gefühl tatsächlich in der Schule angekommen ist. Er hat immer öfter Kontakt zu „seinen“ Schülern gesucht, auch wenn gerade nicht gespielt oder gearbeitet wurde, er hat sich Schüler herausgesucht, zu denen er sich dazu gekuschelt hat und er hat sich im Raum bewegt als wenn er einfach zu Hause ist. Ab dem Zeitpunkt habe ich seine Anwesenheitszeiten in der Schule nach und nach erweitert.

Heute begleitet er mich jeden Tag in eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. 99 Prozent der Zeit ist er einfach nur anwesend, spielt mal in den Pausen mit den Kindern, kuschelt eine Runde im Unterricht, geht mit uns spazieren oder liegt einfach in seiner Box und schläft. Nur ein bis zwei Unterrichtsstunden in der Woche binde ich ihn in unserer Hundestunde aktiv in den Unterricht ein. Diese Stunden sind bis heute ein Höhepunkt für die Schüler. Ich muss dazu sagen, dass ich seit ich Emil habe in derselben Klasse unterrichte. Auch wenn einzelne Schüler gewechselt haben, herrscht eine hohe Konstanz der Schülerschaft. Dieser Aspekt sowie sehr tolle Hunde-Schüler führen mit Sicherheit dazu, dass Schule heute für Emil fast wie ein Zuhause ist.
Sind wir für Projekte in anderen Klassen eingeladen steigt sein Stresspegel deutlich. Er ist ein absolutes Routine- und Strukturtier und wäre z. B. für einen ständigen Klassenwechsel etc. nicht in der Form geeignet, wie er es als fester Klassenhund ist.

Das Thema Tierschutz ist für die Schüler ein großes Thema. Die Schüler wissen genau wo Emil herkommt und jährlich schicken wir zu Weihnachten ein Päckchen mit Hundezubehör und lieben Bildern und Briefen der Schüler an die Welpenstation. Die Schüler zeigen sich als sehr empathisch gegenüber Emils Vergangenheit. Wir haben auch sehr offen darüber gesprochen, dass er großes Glück hatte und dass es vielen anderen Hunden nicht so geht. Ich denke, dass man über diese Thematik viele Schüler im Umgang mit Tieren sensibilisieren kann. Auch versuche ich hier der „Materialisierung“ von Tieren entgegen zu wirken. Viele Schüler fragen, wo man so einen Hund „kaufen“ kann. Mir ist es wichtig zu vermitteln, dass man Hunde nicht „kaufen“ kann, sondern ein Familienmitglied „adoptiert“. Dieser Gedanke kann durch einen Tierschutzhund noch deutlicher vermittelt werden. Zudem ist es ein interessantes Thema, um z. B. über das Herkunftsland zu sprechen, Hundekekse zum Verkauf für den Tierschutz zu backen etc.

Mein Fazit ist definitiv: Es lässt sich von keinem Hund das Wesen im Vorhinein vorhersagen und ich denke man kann mit einem Tierschutzhund genauso „Glück oder Pech“ für seine Eignung in der Schule haben, wie bei einem Rassehund vom Züchter (die Möglichkeit den Tierschutzhund vorher kennen zu lernen ist dabei aber sehr wichtig). Für mich ist es zudem eine persönliche Überzeugungssache, dass für mich auch zukünftig nur ein Hund in Frage käme, der „schon da ist“ und nicht noch extra in einer Zucht geboren werden muss. So dass immer wieder ein Tierschutzhund bei mir einziehen und ein Zuhause finden würde.

Unter folgendem Link der Welpenstation Mallorce, auf der Emil zunächst gelebt hat, gibt es auch einen kleinen Bericht von Emil (http://www.welpenstation-mallorca.com/verschiedenes/sonderseite/)
Was für mich noch ganz klar ist – seit über sechs Jahren Schulhundearbeit – dass ein Schulalltag ohne Klassenhund kaum noch für mich – und ich denke auch meine Schüler – vorstellbar ist.